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Seit wann gibt es Altäre? 

Buchvorstellung in der katholischen Akademie

29. Mai 2019

Die katholische Akademie lud am vergangenen Dienstag zu einer Buchvorstellung. Der in Rom lebende Professor für christliche Archäologie, Monsignore Dr. Stefan Heid, hat ein dickes Buch über die Geschichte des christlichen Altars verfasst und die wichtigsten Thesen einem interessierten Publikum vorgestellt.

Stefan Heid versteht sein Buch als eine Art Gegenthese zu Adolf von Harnack  und der liberalen protestantischen Exegese. Demnach habe sich die jesuanische Urkirche in Hauskreisen getroffen, habe keinen Kult praktiziert, sondern nur ?Liebes- und Sündenmähler?.

Erst mit dem sog. Frühkatholizismus, der freilich schon in den späten Schriften des NT zu spüren ist, habe der "Verfall" eingesetzt, sei die Kirche hinter schon Erkanntes und Erreichtes wieder zurückgefallen. In den ersten Jahrhunderten habe es ? so Harnacks These - auch keine Altäre gegeben. Erst mit der konstantinischen Wende habe sich allmählich die Struktur von sakramentaler Kirche herausgebildet, die sie heute noch hat.Gegen diese These stellt Stefan Heid fest: Ein kultfreies Christentum habe es nie gegeben und wäre auch nicht verstanden worden. Schon Paulus meint, wenn er vom ?Tisch des Herrn? spricht nicht irgendeinen "Wohnzimmertisch", sondern einen Sakraltisch.

Schon zu Paulus Zeiten gab es - wie Akademiedirektor Joachim Hake pointiert formulierte: Eine Stadt - einen Bischof - eine Kirche - einen Altar! Schon im paulinischen Korinth oder Ephesus gab es nicht mehrere Hauskreise, sondern eine (!) Kirche mit einem Altar. Die Polemik des früheren Christentums richtet sich nicht gegen Kult und Sakramentalität als solche, sondern gegen blutig-heidnische Praktiken, wie man sie in Berlin am Pergamonaltar (siehe Panoramamuseum) gut sehen kann.Nach der Vorstellung des Inhaltsverzeichnisses bzw. der wichtigsten Thesen des Buches luden Autor und Akademiedirektor zu Wortmeldungen auf. Die meisten - darunter auch protestantische Theologen - schienen Heid gegenüber Harnack tendenziell Recht zu geben.Problematisch war freilich, dass der Autor zumindest an diesem Abend die markant angeführten Quellen schuldig blieb, die er als Philologe einer unideologischen Relektüre unterzogen habe. Hier konnte er nur auf die Lektüre des 496 Seiten dicken Werkes verweisen.Wer hat Recht, Harnack oder Heid?

Wie so oft wird die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte zu finden sein. Aber wo genau, näher beim einen oder beim anderen? Zwei (An-) Fragen an den Autor:

1.    Wird der Autor der Radikalität des Hebräerbriefs oder des 1. Petrusbriefes oder mancher Pauluspassage gerecht, die das "ein für alle Mal" des Opfers Christi deutlich macht? Hat sich von daher nicht zunächst einmal aller kultischer Betrieb erledigt? Hat ein Paulus in Korinth am Sakramentstisch (sprich: Altar) "zelebriert"? Wird hier von Heid nicht eine kirchliche Praxis späterer Zeit in die Zeit des NT hineinverlagert?

2.    Die ersten Christen hatten ein zentrales Grundanliegen: die Verkündigung des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das war schwer genug und löste bei Juden und Heiden gleichermaßen Kopfschütteln aus (vgl. 1 Kor 1-2 oder Apg 17,16ff). Um dieses Anliegen nicht noch mehr zu torpedieren und weitere, unnötige Gräben aufzureißen schien man bereit in fast allen anderen Lebensfragen wie z.B. Ethik den Konsens mit der jüdischen oder heidnischen Umwelt zu suchen um nötiges Vertrauen zu erreichen. Die Anpassung geschah bis zur Schmerzgrenze und - aus heutiger Sicht (Stichwort: Gender-Fragen) - über diese hinaus! Hatten angesichts dieser Konstellation schon die ersten Christen um Paulus die Muße ein kultisches und liturgisches Universum zu schaffen, wie es später in der katholischen Kirche Gestalt annahm?Um diese und andere Fragen zu klären muss man wohl zum Buch selber greifen.

Der Abend hat in jedem Fall Appetit gemacht und Stefan Heid ist es gelungen eine spannende Frage einem breiteren und sehr interessierten Publikum zu unterbreiten.

Manfred Hösl SJ