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Hoffnung ist der Inhalt der Tora 

Foto: St. Canisius

Rabbiner Andreas Nachama hielt die zweite Fastenpredigt in St. Canisius.

25. März 2019

Rabbiner Andreas Nachama hielt am Sonntag, 24. März, im 11 Uhr-Gottesdienst die zweite Fastenpredigt im Kontext der Ausstellung "Hope is Maybe" in der Kirche. Wer wäre kompetenter, um über Hoffnung zu sprechen, als ein Angehöriger des jüdischen Gottesvolkes mit seiner Geschichte? Andreas Nachama traf mit seinen leisen und eindrücklichen Worten den Puls der zahlreichen Gottesdienstbesucher.

Pater Hösl SJ stellte vor der Predigt Professor Dr. Nachama kurz vor. Der ehrenamtliche Rabbiner der reform-egalitären Gemeinde Sukkat Schalom (wörtl. Friedenshütte) ist Direktor der Stifung "Topographie des Terrors" in Berlin, deren Dauerausstellung er seit 1987 leitete. Er war Professor am Lander Institute for Communication about the Holocaust and Tolerance am Touro College Berlin und ist Mitglied der Antisemitismus-Kommission der Bundesregierung. Seit diesem Jahr leitet er als Vorsitzender die (liberale) Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK). Dann sprach Rabbi Nachama.

In der Tageslesung aus Exodus, Kapitel 3, offenbart sich Gott Mose im brennenden, aber erstaunlicherweise nicht verbrennenden Dornbusch. Mose muss die Schuhe ausziehen, denn er steht auf heiligem Boden. Dann spricht Gott aus dem Dornbusch zu ihm. Er teilt ihm seinen Namen mit, das heißt er offenbart ihm sein innerstes Wesen: Ich bin der Ich-bin-da! Und diesen gegenwärtigen und anwesenden Gott soll Mose seinem Volk in Ägypten verkünden, denn dieser Gott will und wird sie aus der Sklaverei in Mizraim (das hebräische Wort für Ägypten) befreien. Mose sollte mit anderen Worten den Juden neue Hoffnung schenken.

Die meisten wissen, wie die Erzählung weitergeht. Die Hoffnung sollte sich erfüllen, wenngleich es auch so manchen Rückschlag gab, wie die Tora (wörtlich "Gebot", so bezeichnen Juden die fünf Bücher Mose) berichtet. "Der Inhalt der Tora ist Hoffnung. Alles andere ist deren Auslegung", so Andreas Nachama in seiner Predigt. Sein eigener Lehrer habe es auf den Punkt gebracht: "Never give up!" Die Hoffnung - HaTikwa - das ist sogar der Titel der israelischen Nationalhymne, die älter ist als der Staat selbst.  Die Hoffnung erkläre die große Bedeutung des Propheten Elias in der jüdischen Tradition und in der Volksfrömmigkeit, denn dieser Prophet, der nicht gestorben ist, sondern in den Himmel aufgenommen wurde, wird das Kommen des Messias anzeigen, indem er bei dessen Beschneidung anwesend sein wird. Seiner werde gedacht an allen Anfängen, des Lebens, der Woche, des Jahres, und immer sei dies Ausdruck der Hoffnung auf das Kommen des Messias.

Und trotz der auch so schmerzlichen Geschichte hat Israel nie die Hoffnung aufgegeben. Selbst an einem so dunklen und schrecklichen Ort wie einem Konzentrationslager, so der Rabbiner. Ein Holocaustüberlebender habe ihm einmal gesagt: Als sich die Tore des KZ Auschwitz damals schlossen, da dachte er: Jetzt ist alles vorbei. Er habe sich aber vorgenommen, nun bei den geringsten Anlässen zu versuchen, in allem Zeichen der Hoffnung zu sehen, wie ein Verdurstender in der Wüste die Oase zu sehen glaubt, auch wenn sie gar nicht da ist. So habe er zu hoffen gelernt. Und deshalb können, ja müssen Juden und Christen gleichermaßen Hoffnung verbreiten, um den wie und wo immer versklavten Menschen in den Mizraims dieser Welt Freiheit und Gerechtigkeit zu künden.

Am Ende der Messe bedankte sich P. Hösl im Namen der Gemeinde und unter großem Applaus beim Rabbiner. Professor Nachama übernahm es sodann an diesem wunderschönen Frühlingsmorgen, die Versammelten auf Hebräisch und Deutsch zu segnen.
23.Sprich zu Aharon und zu seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr segnen die Kinder Jisrael, sprechend zu ihnen:
24.Es segne dich HaSchem und behüte dich;
25.HaSchem lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig;
26.HaSchem wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden!
27.Und sie sollen meinen Namen legen auf die Kinder Jisrael, und ich werde sie segnen.
Dieser sogenannte "Priesterliche Segen" findet sich ebenfalls in der Tora, im katholisch so bezeichneten Buch Numeri 6, 23-27.

Mit einem Kaffee des Café Canisius-Teams oder einem von der Jugend zur Finanzierung der SoFa feilgebotenen Muffin ließ sich noch trefflich über die Predigt diskutieren.

Am kommenden Sonntag wird Frau Professor Dr. Ulrike Kostka vom Berliner Caritas-Verband die diesjährige Fastenpredigtreihe abschließen. Sie kennt die Nöte der Menschen, von denen so mancher wohl sagen möchte: Da gibt?s keine Hoffnung! Aber gerade die vermeintlich Hoffnungslosen sind oft Zeugen der Hoffnung ...