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Wie andere glauben  

Fotos: M. Schneider

Ein Besuch bei Hillsong

5. November 2018

In Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt- auch in religiöser Hinsicht. Wie feiern andere Christen Gottesdienst? Was zieht (junge) Menschen an? Martina Schneider aus der "Denkfabrik Öffentlichkeitsarbeit" hat in Berlin die Hillsong-Gemeinde besucht. Hillsong stammt aus Australien, ist aber inzwischen in allen Großstädten der Welt etabliert. Sie ist besonders durch ihre professionelle Popmusik bekannt, auch am Berliner Fest der Kirchen sorgten sie für den Sound. Bekanntestes Gemeindemitglied ist übrigens Justin Bieber. Frau Schneider schildert ihre Eindrücke ...

Ein großes, gelbes Plakat in einem Aufsteller weist am Eingang der Kulturbrauerei auf Hillsong hin. Hier an diesem Sonntag Gottesdienste statt, wurde mir gesagt. Auf dem Plakat finde ich das Wort Gottesdienst nicht. Nur die Ankündigung: 11 Uhr, 13 Uhr und 18 Uhr im Kino 3. Auch auf der Webseite war nur von einem "Treffen" die Rede. Bin ich hier richtig?

Vor dem Eingang des Kinos steht ein Mann Anfang 20 in einem gelben Kapuzenpullover mit der Aufschrift "Hillsong" und hält eine kleinere Version des Ankündigungsplakats als Werbetafel an einem Stab in die Höhe. Freundlich erklärt er den Weg, der nicht zu verfehlen ist: Weitere junge Menschen in gelben Pullovern weisen den Weg zur Tür des Kino-Saals. Als diese geöffnet wird, wird auf der Leinwand ein Willkommens-Text gezeigt, auf der Bühne erschafft eine Band aus sechs Musikern und elf Sängern eine besondere Atmosphäre im Saal, Besucher werden persönlich begrüßt und zu einem Platz begleitet, der einen optimalen Blick und einen guten Eindruck vermitteln soll. Die gemütlichen Kino-Sessel und viel Beinfreiheit versprechen eine bequeme Zeit.

In den ersten 20 Minuten wird das Publikum mit Songs mit englischen Texten in Stimmung gebracht. Die Texte werden auf der Leinwand angezeigt und von den Gästen stehend und tanzend mitgesungen. Es wird viel geklatscht. Die Untertitel zu den Texten sagen, dass Jesus im Fokus steht. Jesus glaubt an mich, er wirkt durch mich und viele weitere allgemeine, eingängige Botschaften. Beschwingte Atmosphäre um Jesus im größten Kino-Saal des Komplexes, deren 250 Sitzplätze zu einem guten Drittel besetzt sind. Die meisten sitzen im vorderen Bereich, der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 25 Jahren.

Dann tritt der Priester der Gemeinde auf, in Jeans und Pullover, Ende 40. Er spricht ein gut verständliches Englisch. (Am Eingang war eine Simultan-Übersetzung erhältlich.) Er kündigt zuerst den Film mit den Ankündigungen für den laufenden Monat an: Dieser ist professionell geschnitten, schnell und lässt junge Menschen die geplanten Aktivitäten sowie die nächsten Veranstaltungsräume vorstellen.

Dann beginnt der inhaltliche Teil des "Treffens". Der Priester redet schnell, sagt viel, beschreibt jeden Gedanken mehrmals von verschiedenen Seiten, im Hintergrund spielt immer die Band leise Melodien. Der Inhalt ist leicht verständlich: Es geht um Jesus, wie schon in den Liedtexten. Einfache Aussagen, denen jeder zustimmen kann, der an Jesus und die Auferstehung glaubt. Auch Gott wird mehrfach erwähnt.

Es folgt eine schnelle Abfolge von Fürbitten mit ebenfalls schneller, rhythmischer Musikuntermalung durch den Priester, in denen fast alles genannt wird, um das ein Mensch spontan bitten würde. Ergänzend werden auf der Leinwand Fürbitten in schriftlicher Form angezeigt.

Im Anschluss an den Musikteil erfolgt der Spendenteil, die Möglichkeiten der Nutzung eines Umschlags, der Online-Überweisung und des Dauerauftrags werden erläutert, einschließlich des spirituellen Effekts für den Spender.

Eine 45minütige Predigt mit vielen Akteuren zur Veranschaulichung des Themas, diversen privaten Anekdoten ist kurzweilig und abwechslungsreich, leise musikalisch untermalt und auch dank der oben erwähnten Kino-Sessel in vielerlei Hinsicht bequem. Sie regt zum Denken an, gibt Impulse und macht den hier präsentierten Glauben erlebbar.

Eine gute Inszenierung unter Einbeziehung der ganzen Bühne, allen Teilnehmern der ersten Sitzreihe und einer leichten und schnellen Dramaturgie machen es leicht, Botschaften zu erfassen und ermöglichen ein Eintauchen in das Geschehen auf der Bühne. Innehalten, Stille, Raum für Reflexion und eigene Gedanken und tiefe Emotionen wird nicht geboten.

Mit der Einladung zu den weiteren "Treffen" ist die Veranstaltung vorbei. Die Teilnehmer verlassen schwatzend den Saal. Das Wort Gottesdienst fiel tatsächlich nicht.

Martina Schneider