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Wieso Kreuzzüge und Hexenwahn? 

Foto: Peter Weidemann/Pfarrbriefservice.de

Geschichte und Geschichten

14. März 2018

In einer kleinen Reihe widmet sich das Forum der Jesuiten in diesem Halbjahr kirchengeschichtlichen Themen. P. Gundolf Kraemer SJ, selbst Leiter des Forums, sprach am Mittwochabend über Kreuzzüge und Hexenwahn. Was bewegte die Menschen damals zu diesen Exzessen? Was davon ist Geschichte und was sind (nur) Geschichten?

Der Gemeindesaal verwandelte sich am Mittwochabend in einen Seminarraum zum Thema Kirchengeschichte. P. Kraemer konnte ein vollbesetztes Hufeisen von Tischen begrüßen - die Tische waren auch notwendig, denn der Referent verteilte mehrere Arbeitsblätter. Inhaltlich gab es zwei Teile - mit einer kurzen Pause dazwischen.

Gedenken an die Opfer

Das erste Wort galt den vielen Opfern von Kreuzzügen, Inquisition und Hexenwahn. Dazu zündete P. Kraemer zunächst eine Kerze an und initiierte so ein kurzes stilles Gedenken.

Kreuzzüge: Was löste die Massenbewegung aus?

Dann beleuchtete P. Kraemer zunächst die Kreuzzüge, besonders den ersten (1059). Kreuzzüge gab es aber nicht nur Richtung Morgenland. Auch innerhalb des Abendlandes gab es solche, etwa gegen Katharer und Albigenser. Was aber löste die Massenbewegung des ersten Kreuzzuges aus? (Insgesamt circa 120 000 Teilnehmer, davon 20 000 Ritter, von denen wiederum nur 5000 letztlich im Heiligen Land ankommen sollten.)

Zusammenspiel verschiedener Faktoren

Historisch muss man wohl das Zusammenwirken und gegenseitige Hochschrauben sehr unterschiedlicher Faktoren konstatieren:
Der byzantinische Kaiser Alexios fürchtete schlichtweg um seine Macht gegenüber den um ihn lagernden Seldschuken. Der zu Hilfe gerufene Papst Urban wiederum brauchte eine große Herausforderung der westlichen Christenheit, um die ständigen gegenseitigen Fehden innerhalb der Christenschar zu stoppen. Besonders die jüngeren Adelskinder hatten in der Erbfrage das Nachsehen und die Ritter brauchten schlichtweg ein Auskommen, um nicht ins Raubrittertum abzugleiten. Das einfache Volk wiederum litt unter Hunger und Epidemien. Hinzu kamen günstige politische Faktoren, etwa die Uneinigkeit der Muslime damals, die überhaupt die Gründung, der letztlich freilich nur kurzlebigen Kreuzfahrerstaaten ermöglichten.

Wo verlaufen die Fronten?

In der Rezeption der Ereignisse muss man vorsichtig sein: Natürlich gab es nicht zu rechtfertigende Gewalt, die auch damals schon (wahre) Christen und Muslime verabscheuten, aber so mancher "blutrünstige" Bericht war wohl auch "nur" Selbststilisierung. Das "unbeschreibliche Blutbad", von dem zum Beispiel auch schon das biblische 2. Makkabäerbuch spricht, dürfte - Gott sei Dank möchte man sagen - nur Wunschtraum gewesen sein und bezeichnet wohl eher eine rituelle Reinigung der heiligen Stätten als eine protokollarische Wiedergabe der Ereignisse. Ansonsten - so . P. Kraemer - ließen sich die Quellen, die von einem weitgehend harmonischen Miteinander von Christen und Muslimen im Heiligen Land sprechen, kaum erklären. Überhaupt verlaufen die Fronten selten an den Religionsgrenzen. Manchmal ist der größere Gegner der eigene Glaubensbruder, während man sich mit dem eigentlichen Glaubensfeind ganz gut arrangiert hat ...

Hexenwahn in Frankreich und Deutschland groß

Der zweite Teil des Abends drehte sich um die Frage, wie es zum Hexenwahn kommen konnte. Auch hierzu gab es ein informatives Arbeitsblatt. Während demnach zum Beispiel Irland und Portugal nur ganz wenige "Fälle" von Hexenverbrennungen hatten, sind die Zahlen für Frankreich oder Deutschland enorm hoch.

Nährboden für Hexenwahn in der frühen Neuzeit

Während das vermeintlich "finstere Mittelalter", so P. Kraemer, gegenüber dem Hexenwahn weitgehend immun war, gingen die Opferzahlen in der frühen Neuzeit exponentiell in die Höhe. Ein wichtiger Auslöser war der berühmte "Hexenhammer" des freilich schon damals dubiosen Dominikaners Heinrich Kramer. Trotz Skepsis maßgeblicher Autoritäten damals wie der theologischen Fakultät von Köln, entfachte diese Schrift eine fatale Wirkung. Schuld an dem Flächenbrand waren aus heutiger Sicht auch die sogenannte "Kleine Eiszeit" (ein Kälteeinbruch, der den Menschen sehr zusetzte), andere Naturkatastrophen, der 30-jährige Krieg oder die Reformation, die die so sicher geglaubte Welt ins Wanken brachten und nach einem Schuldigen rufen ließen.

Herausforderung für Phänomene von heute

Dass die Suche nach Schuldigen nicht nur Geschichte von damals ist, beleuchtete P. Kraemer am Schluss seines Referats, als er auf das Thema "rituelle Gewalt" zu sprechen kam. Weitgehend noch unbemerkt feiere hier der Satanismus fröhliche Urstände. Wer zu diesem Thema mehr erfahren möchte, der sei auf ein Youtube-Video hingewiesen: "Im Namen des Teufels". Aber auch andere weltweite Phänomene machen klar, dass das Thema "Hexenwahn und Kreuzzüge" leider kein historisch abgeschlossenes Thema von früher, sondern Herausforderung für Phänomene von heute ist (Stichworte: Populismus, Hassmails, Blasphemievorwurf, Satanismus ...)