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Missbrauch durch Kleriker 

Foto: St. Canisius

Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber referierte in St. Ludwig.

23. November 2018

In einem Vortrag mit anschließender Diskussion sprach Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber vom Zentrum für Forensisch-Psychatrische Begutachtung zum Thema "Sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche aus der Sicht der forensischen Psychiatrie". Viele Interessierte waren in die Thomas Morus Akademie nach St. Ludwig gekommen. Sie erlebten einen kontroversen Abend.

Das Thema ist seit der Veröffentlichung durch die MHG-Studie wieder aktueller denn je. Für den Referenten freilich ist es Alltag seit vielen Jahren. Er saß eher lässig vor dem gut gefüllten Saal und berichtete von den Ergebnissen seiner Arbeit. Nur hin und wieder drückte er auf die Entertaste, um ein neues Bild der mitlaufenden Powerpoint aufzurufen.

Wer ein kirchenkritisches Referat erwartet hatte, wurde enttäuscht. Gleich zu Beginn bat Dr. Kröber um Verständnis, dass er nicht vor Betroffenheit erschüttert ist - die Erfahrungen spiegeln seinen Berufsalltag seit vielen Jahren. Der sexuelle Missbrauch von Klerikern ist für ihn auch deswegen ein vergleichsweise kleines Verbrechen, weil weit über 90 Prozent aller Missbrauchsfälle in den Familien (Stiefväter, Onkel, Freunde, weniger die eigenen Väter) stattfindet.

Das Thema Missbrauch war lange Zeit in der Gesellschaft nicht wahrgenommen worden. Erst ein Stern-Artikel über einen mafiosen Kinderpornografiering schuf Aufmerksamkeit. Aus der Sensibilisierung wurde seit den 1980er Jahren eine Fokussierung und schließlich Fixierung. Ignorierte man vorher die Symptome sexuellen Missbrauchs bei Kindern, so witterte man ihn jetzt hinter jedem ungewöhnlichem Verhalten des Kindes, so Prof. Kröber.

Er berichtete weiter, dass die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) bereits 2002 Leitlinien veröffentlicht hat. Ab jetzt kann man von einer Aufmerksamkeit zu diesem Thema in der Kirche sprechen. Freilich war die Art der Reaktion aus heutiger Sicht falsch. Man wollte das Verbrechen selbst einfach nicht wahrnehmen. Sorge bereitete nur der gute Ruf der Kirche oder des Standes der Geistlichkeit und die Frage, wie man sich der peinlichen Sache möglichst ohne Aufsehen entledigen kann. Das geschah dann oft dadurch, dass man einen ertappten Missbrauchstäter lediglich ermahnte und ihn ggf. versetzte, wo dieser freilich nicht selten wieder seiner Neigung nachging.

Wirklich ins Rollen kam sexueller Missbrauch in Deutschland unter Klerikern erst durch die Initiative von P. Klaus Mertes SJ vom Canisius Kolleg 2010. Vier Monate beherrschte das Thema die Schlagzeilen, ehe ein Vulkanausbruch in Island den europäischen Flugverkehr und die Diskussionen in Sachen Missbrauch stoppte.

Seit der Veröffentlichung der MGH-Studie in diesem Jahr ist das Thema medial wieder da und sorgt für Kopfschütteln und Entsetzen, auch und gerade bei Katholiken.

Herr Kröber führte reichlich statistische Daten an. Er unterscheidet sehr stark zwischen einer Tätergeneration vor 1990 und nach 1990. Die erstere seit geprägt von einem engen Ineinander von Geburt und Tod (viele Frauen starben bei der Geburt, hohe Kindersterblichkeit). Homophobie, Prügelstrafe, Prüderie waren weit verbreitet und bildeten ein Mistbeet für Missbrauch an Kindern und Schutzbefohlenen. Die Undenkbarkeit bildete einen Schutz, so dass Betroffene (besonders Jungs) vorzogen zu schweigen. Und wenn sie doch redeten, dann glaubte man ihnen nicht. Hinzu kam, dass die Täter ihren Opfern eintrichterten, dass "das normal sei":"Es ist doch gar nichts passiert!", um freilich dann schnell umzukippen in: "Du hast es doch selbst gewollt" und dem Opfer auch noch die Schuld für das Geschehen zuzuschieben.

Viele Äußerungen des Referenten sorgten für Unmut und Kritik, bis hin zu demonstrativem Verlassen des Saals. Trotz der Eingangsbemerkung vermisste so mancher Zuhörer Empörung über die klerikalen Täter und Empathie mit den Opfern, die man - eine weitere Erkenntnis des Abends - aber besser als "Betroffene" bezeichnet. Denn die meisten von ihnen möchten nicht ein Leben lang als Opfer gesehen werden, sondern aus dieser Rolle raus und als "Überlebende", die ihr Schicksal meistern, gelten.

Es gab viele Tabellen und Daten, aber alle tendierten faktisch dahingehend, die Kleriker eher zu entlasten als zu belasten. Offensichtlich ist eine Abtrennung der moralische Verwerflichkeit von der nüchternen Untat im Kontext Kirche nur schwer zu erträglich. Bitter sei auch zu sehen, dass es oft keine rechtliche Handhabe (mehr) gibt und Missbrauchstäter Dank Verjährung praktisch unbehelligt herumlaufen könnten.

Um 21.15 Uhr beendete Mario Junglas, der die Moderation der Diskussion übernommen hatte, den Abend. Die Gespräche freilich gingen in Gesprächsgruppen vor der Türe und auf dem Nachhauseweg weiter.