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"Es gibt etwas, das größer ist ..." 

© Saaed Sadeghi (1)/jesuiten.org

Fr. Dag Heinrichowski über Albert Camus

4. März 2019

In der zweiten philosophischen Predigt beschäftigte sich Fr. Dag Heinrichowski SJ mit dem französischen Schriftsteller und Existentialisten Albert Camus (u.a. Der Fremde, Der Mythos des Sisyphos, Die Pest ...). Der Jesuit brachte ihn mit dem Paulus der Lesung ins Gespräch: Kreuz und/oder/ohne Auferstehung? Nach dem Gottesdienst gab es ein Schreibgespräch und eine spannende Diskussion im Stuhlkreis mit Starkbier - die Fastenzeit kommt!

"Bei einem Gespräch zwischen dem Apostel Paulus und dem französischen Schriftsteller Albert Camus würde ich gerne mal Mäuschen spielen", so begann Frater Dag Heinrichowski die zweite philosophische Predigt über den bekannten französischen Schriftsteller, der unter die Existentialisten gerechnet wird, sich aber von J.P. Sartre u.a. auch unterscheidet.

Camus kennt das Leben auch von seinen Schattenseiten her: Seine Mutter ist Analphabetin, der Vater war schon im ersten Weltkrieg gefallen, er selber litt an Tuberkulose. Er wächst in einer Kolonie in Algerien auf, das damals zu Frankreich gehörte. Die philosophische Frage schlechthin ist für ihn die nach dem guten Leben. Was nicht unbedingt bedeutet: nach dem reichen Leben.

Durch Glück und die Hilfe vieler Freunde kann er ein Studium absolvieren, bekommt 1957 sogar den Nobelpreis für Literatur, stirbt allerdings schon drei Jahre später bei einem Autounfall.

Albert Camus sieht das Leben als sinnlos, ja absurd an. "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord", so beginnt Camus seinen Essay über das Absurde, der nach einer langen Entstehung 1942 kurz nach dem Roman "Der Fremde" und gleichsam als Erklärung dazu, in Paris erscheint. "Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten", so Fr. Heinrichowski.

Camus bläst zur Revolte gegen die Absurdität! Er will sich nicht abfinden mit einer Welt, die Kinder mordet und rennt dagegen an. Das ist nicht nur negativ gemeint: "Es gibt nichts zu verlieren, es gilt das Hier und Jetzt voll auszukosten." Das erinnert etwas an die Freiheit der Pestkranken, die es irgendwann vorgezogen haben sich nicht mehr vor der Krankheit zu verstecken, sondern auf den Marktplätzen letzte Mähler zu feiern: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (vgl. 1 Kor 15,32)" Das Absurde macht frei und produktiv", so der Jesuit über Camus.

Und so hat der Mensch dem Tod seinen Stachel gezogen - freilich ganz anders als Paulus in der Lesung: Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel? (1 Kor 15,55). Camus Evangelium ist um der Hauptsache beraubt: die Auferstehung. Das Christentum, das Camus zeichnet, ist "ein Christentum ohne Auferstehung, Himmelfahrt und ohne Heiligen Geist. Ein Christentum, in dessen Zentrum die Verzweiflung des Gottessohnes steht, der sich am Kreuz für Augenblicke von Gott verlassen glaubt. In dieser Einsamkeit des von Gott verlassenen Christus erkennt Camus die Grund-Einsamkeit des Menschen wieder" - vor allem seine eigene im so fremden Paris, so Dag Heinrichowski.

Camus will sich nicht mit einer billigen Auferstehung trösten lassen. Diese rechtfertigt nicht die vielen Opfer vorher. Sein Interesse gilt dem ungekürzten Kreuz, das ausgehalten werden muss und nicht verwässert werden darf. Hier wird man Camus zustimmen können. Aber eine gute Nachricht ist das nie und nimmer. "Es gibt etwas, das größer ist als wir selbst. Etwas, das größer ist als die Sinnlosigkeit, das Leid, die Einsamkeit und unser kurzes Leben: Gott. Und er ist größer als der Tod", so der Jesuit am Schluss seiner Ausführungen und fügt hinzu: "Im Internet bin ich auf eine Karikatur gestoßen: Auf dem oberen Bild sieht man Sisyphos, wie er den Fels mühsam den Berg hinaufrollt. Und auf dem Bild darunter sieht man ihn neben Jesus sitzen, der Fels wird gehalten vom Kreuz."

Nach dem Gottesdienst traf man sich im Gemeindesaal. Wegen der anstehenden Fastenzeit gab es schon mal vorab ein paar Schluck Starkbier. In einem Schreibgespräch setzten sich die Interessierten mit drei Thesen des französischen Schriftstellers auseinander um dann mit dem Prediger im Stuhlkreis ins Gespräch zu kommen. U.a. ging es um die Frage, ob man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen kann. Oder die Frage, ob wir Christen nicht zu schnell mit der Auferstehung bei der Hand sind und so die Radikalität des Kreuzes nicht ernst genug nehmen. Es gab kritische Fragen und interessante Gesprächsbeiträge, u.a. von Ambrosius (9 Jahre!) und seinem großen Bruder Xaver (11 Jahre!).