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Auftakt - die philosophische Predigt 

Ambiguität in unserer Zeit

4. Februar 2019

Eine viel versprechende Kommunikationsinitiative hatte am Sonntag, 3. Februar, in der Abendmesse ihren Auftakt: P. Hösl SJ sprach als erster in der neuen Reihe der philosophischen Predigt. Diese soll künftig an jedem ersten Sonntag eines Monats in der Abendmesse gehalten werden - auch von Gastrednern. P. Hösls Pilotpredigt beschäftigte sich in Anlehnung an Thomas Bauers "Vereindeutigung der Welt" damit, was der "Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt" (so Bauers Buch-Untertitel) für die Kirche bedeutet.

Nach Ende des Gottesdienstes hatten die Gemeindemitglieder Gelegenheit, sich im Gemeindesaal mit Bauers Thesen und Hösls gut 20-minütiger Predigt auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu gehen.

Ambiguität liegt dann vor, wenn "Zeichen oder Umstände auf mehrere Bedeutungen gleichzeitig hindeuten" (Bauer). In P. Hösls Predigt ging es nicht um die unfreiwillige Ambiguität nach dem Motto eines Schützenvereins "Schießen lernen - Freunde treffen", sondern um die bewusst ausgehaltene Ambiguität in unserer Zeit, in der Ambiguität kontinuierlich zurückgedrängt zu werden scheint. Ambiguitätstoleranz scheint in der Mitte zwischen dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit auf der einen und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite angesiedelt zu sein: Heutzutage, da die einen, wo immer möglich, auf Eindeutigkeit drängen und die Gleichzeitigkeit einer anderen Sichtweise nicht zulassen, und die anderen sehr unterschiedliche Standpunkte für gleich gültig halten, so dass infolgedessen Gleichgültigkeit gegenüber diesen Standpunkten eintritt, hat es die Toleranz gegenüber Ambiguität schwer, und die Vielfalt des Lebens und der Auffassungen, die sie ermöglicht, scheint gefährdet.

Inhaltlich spannte P. Hösl den Bogen vom Islam des Mittelalters, das keineswegs eine finstere Zeit war, sondern eine hohe Ambiguitätstoleranz aufwies, über die kirchliche Sicht auf sexuelle Diversität bis hin zu Auswirkungen einer vermeintlichen Ambiguitätsintoleranz auf die Gestaltung der Liturgie. Er stellte die Frage, ob ein Aushalten der Mitte zwischen Fanatismus und Relativismus, um das die Kirche sich bemühe, als Aussitzen wichtiger Fragen missverstanden werden könne.

Solchermaßen mit Gedanken zum Weiterdenken ausgerüstet suchten nach dem Gottesdienst rund 40 Gemeindemitglieder unterschiedlicher Hintergründe das weitere Gespräch miteinander und mit P. Hösl. Ein engagierter, reichhaltiger, auch kontroverser Austausch über Gegenwart und Zukunft der Kirche!

Wir dürfen gespannt sein auf die Fortsetzung: Am Sonntagabend, 2. März, in der 18 Uhr-Messe wird Fr. Dag Heinrichowski SJ vom Canisius Kolleg über "Albert Camus - Glück und Absurdität der Welt" sprechen. Der französische Schriftsteller, Existentialist, stellt die zeitlose Frage, wie Gott das Leid in der Welt zulassen könne. Zu Teilnahme an dieser Abendmesse und zum anschließeden Gespräch im Gemeindesaal wird schon heute herzlich eingeladen.

Dr. Eva Maria Höller-Cladders