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Posing or not posing? 

Foto: St. Canisius

Oder: Wolle mer'se eroilosse? - Umgang von Kirche mit Kunst und Kommerz in Kirchenräumen

24. Juli 2018

Immer wieder fragen Modefirmen an, ob sie vor unseren attraktiven Betonwänden ein Fotoshooting machen dürfen. Soll das die Gemeinde erlauben oder nicht? Dahinter steckt ein Grundkonflikt mit langer Geschichte ...


Im Sommer hat ein Student der Ernst Busch Schauspielschule ein (Gesellen-) Stück aufgeführt: Niels Weijer präsentierte "The/Life/of/Fine/Lines". Ein modernes Stück ohne kirchliche Bezüge. Sollen wir in der Gemeinde so etwas erlauben?

Fotoshooting
Eine Online-Modefirma bat um die Erlaubnis, vor unserer Kirche ein Fotoshooting machen zu dürfen - dürfen die das? Und wenn ja: Nur am Kirchvorplatz? Auch im Außenraum? Gar in der Kirche? Nur Kleidung oder auch Dessous?

Skandale in Kirchenräumen
Immer wieder hört und liest man von Skandalen in Kirchräumen. Pfarrer öffnen im guten Glauben ihre Kirchen, müssen dann aber auf Bildern oder gar im Fernsehen sehen, wie die eigene Kirche für frauenfeindliche, blasphemische oder gar pornographische Zwecke missbraucht worden ist. Dabei waren die Damen und Herren so "nett" gewesen.

Auf der anderen Seite muss es das Interesse der Kirche sein, auch mit säkularen Milieus ins Gespräch zu kommen. Gerade unsere moderne Kirche in Charlottenburg ist ein Hingucker und auch für Menschen ohne Kirchenbezug attraktiv. Wieso sollten wir ausgerechnet mit diesem Pfund nicht wuchern, auch finanziell?

Alter Grundkonflikt
Der Grundkonflikt ist alt und begleitet den Jesuitenorden seit seiner Gründung. Wenn man mit anderen Kulturen oder Religionen ins Gespräch kommen will, dann muss man etwas riskieren, dann besteht auch die Gefahr ausgenutzt zu werden.

So haben sich zum Beispiel die Jesuiten während der Chinamission an die Gebräuche und Traditionen der hochangesehenen Mandarine angepasst (sogenannter Ritenstreit). Manche meinen gar: Bis zur Selbstverleugnung!

Aber anderweitig hätten sie nie einen Fuß in die Tür dieses riesigen Landes bekommen! Der Papst hat sich damals aber letztlich gegen die Strategie der Jesuiten entschieden und konservativeren Kräften nachgegeben, die eine unzulässige Religionsvermischung befürchteten. Das Ergebnis ist, dass China bis heute ein weitgehend nicht-christliches Land ist und (vielleicht!) christlich sein könnte, wenn man damals aufgeschlossener gewesen wäre.

Konzerte in Kirchen
In München gibt es seit vielen Jahren sonntags um 9 Uhr eine feierliche Messe mit konzertanter Musik. Die Jesuiten und die Verantwortlichen lassen sich ihre Kirchenmusik viel Geld kosten - Geld, das man auch anderweitig (sinnvoller?) verwenden könnte. Und lässt sich die Kirche hier nicht vor einen Karren spannen, wo sie für ein reines Konzert praktisch nur noch den eucharistischen Rahmen liefert? Kommen die Leute nicht vorwiegend wegen der Musik? Wird hier das Tafelsilber des Glaubens verscherbelt?  Werden hier nicht heiligste Traditionen dem Zeitgeist geopfert? Werden hier Perlen vor die Säue geworfen (vgl. Mt 6,7)?

Auf der anderen Seite wird angeführt, dass man mit der "Konzertmesse" Menschen erreicht, die sonst gar nicht mehr zur Kirche gehen würden. An manchen Festtagen muss man eine Stunde vorher kommen, um überhaupt noch einen Sitzplatz ergattern zu können. Selbst wenn die Besucher die Predigt nur in Kauf nehmen - soll man diese pastorale Chance nicht nutzen?

Hüterin des Glaubens oder Spielverderberin?
In Hamburg hat die (Jesuiten-) Gemeinde am sogenannten Kleinen Michel (St. Ansgar Kirche) eine Ausstellung kurzfristig abgesagt. Grund: Zu viel nackte Haut und die #MeToo. Geht die Hamburger Gemeinde als Hüterin des Glaubens oder als Spielverderberin vom Platz? Wurde drohendes Unheil auf den letzten Metern verhindert oder hat man eine Chance mit der Welt der Kunst ins Gespräch zu kommen vertan?

Wie weit soll und darf man sich kirchendistanzierten Kreisen anbiedern und wo ist die Grenze guten Geschmacks erreicht? Umgekehrt: Was hat die Kirche davon, wenn säkulare Einrichtungen wie eine Modefirma vor den Kopf geschlagen werden? Muss die Kirche, gerade in einer pulsierenden Stadt wie Berlin, nicht den Dialog auch mit kirchendistanzierten, ja kirchenkritischen Milieus suchen? Und ist es nicht die ureigenste historische Aufgabe der Jesuiten hier bis an die (Schmerz-) Grenzen - und manchmal auch darüber - zu gehen? Was bringt uns die Abschottung vor der (vermeintlich?) bösen heidnischen Umwelt letztlich denn ein?

Natürlich: Wer hier den Dialog wagt, der kann auch ausgenützt werden. Aber wer nichts wagt, der kann auch nichts gewinnen.

P. Manfred Hösl SJ