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Ausrutscher der Urgemeinde? 

Foto: Peter Weidemann/pfarrbriefservice.de

Vortrag von P. Hösl zur Entwicklung der Stellung der Frau in der Kirche

26. September 2018

"Die Stellung der Frau in den urchristlichen Gemeinden. Situation damals und Kosequenzen heute" war der Titel eines Vortrags, den P. Hösl SJ am 20. September im ForumSeminar hielt. Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine lebhafte Diskussion. Anna Elisabeth Riedel beteiligte sich auch an ihr und schildert hier ihre Eindrücke vom Abend.

"Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus." Galater 3,28
Legt man diesen Grundsatz, den Paulus hier an die Gemeinde in Galater schreibt, heute an, fällt auf, dass er noch immer nicht umgesetzt ist. Und dass dieser kleine Abschnitt die Geister spaltet. Denn es ist möglich, insbesondere in der katholischen Kirche, zu jedem der genannten Unterschiede lange zu diskutieren. Pater Manfred Hösl stellte sich aber der Herausforderung und diskutierte unter dem Titel "Die Stellung der Frau in den urchristlichen Gemeinden" die Fragen, die scheinbar viele der Anwesenden  interessierten: Welche Stellung hatte die Frau in den ersten christlichen Gemeinden inne? Wie kam es dazu, dass sie schon nach einer Generation aus der Leitungsebene verschwanden? Was könnte diese Entwicklung für heute bedeuten?

Wenn man sich der Zeit der urchristlichen Gemeinde nähert, ist es wichtig zu verstehen, in welchen Gegebenheiten, sowohl kulturell wie auch strukturell, sich die ersten Christen bewegt haben. Mit Zitaten der verschiedenen Philosophen und Gelehrten der Zeit wurde das Bild einer sowohl hellenistischen wie auch jüdischen Gesellschaft dargelegt, die sich in ihrem Verständnis Frauen gegenüber stark von dem unterschiedet, was wir heute kennen. Sie war schlichtweg sexistisch und patriarchalisch - was niemanden überraschen dürfte. In diesem Rahmen war es jedoch umso bemerkenswerter, dass sich in den "urchristlichen Gemeinden" die leitenden Aufgaben Frauen und Männer teilten. Es wäre natürlich schön sich vorzustellen, dass diese Entwicklung allein auf das Wirken Jesu zurückzuführen war. Aber die Lage, in der sich die damaligen Gemeinden befanden, unterschied sich massiv von dem, was wir heute als katholische Kirche kennen. Sie waren von Region zu Region unterschiedlich. Das kennen wir noch heute, bestätigen kann das jeder und jede, der oder die nur innerhalb Deutschlands von einem Bistum in ein anderes gezogen ist.

Aber im Gegensatz zu heute gab es damals keine klaren Strukturen und Ämter. Es gab zwar in jeder Gemeinde Aufgaben und Dienste, aber diese wurden so verteilt wie es nun mal machbar war. Denn die Christen waren zu dieser Zeit eine klare Minderheit und konnten nicht auf viele Freiwillige zurückgreifen. Also wenn eine Frau einen der Dienste, wie zum Beispiel Predigen, übernehmen konnte, tat sie dies auch.

Unterstützt wurde diese Entwicklung von der Hoffnung auf die baldige Rückkehr Jesu und der Verheißung, dass sich dann alles zum Guten richten würde. Ob nun Mann oder Frau sich um die Aufgaben in der Gemeinde kümmerten, war in Bezug auf das baldige Ende der Welt egal. Wie wir wissen, trat dies nicht ein, denn wir warten schließlich immer noch, und die Gemeinden waren gezwungen allmählich Strukturen zu entwickeln, die haltbar waren und überdauern mussten. Denn Entscheidungen über Glaubensfragen wollten geklärt und Verantwortungsgebiete mussten geschaffen werden.

Mit der Hilfe von Paulus und seinen Briefen wurden die Gemeinden und ihre Strukturen institutionalisiert, um das Überleben des christlichen Glaubens und der neu geschaffenen Kirche zu sichern. Dabei orientierten sich die ersten Gemeinden auch an den Leitlinien ihrer Umwelt. Denn sie wollten nicht als exotische Sekte auffallen. Die Ideale, die Jesus ihnen vorgelebt hatte, wurden vermengt mit den Gegebenheiten des Umfeldes, in dem sich die Gemeinden befanden. Kurz gesagt: Paulus betrieb Realpolitik.

In diesem Prozess fiel auch der diesem Artikel vorangestellte Vers aus dem Galater Brief unter den Tisch. Und somit wurde, den verschieden Umständen geschuldet, die Rolle der Frau wieder auf traditionelle sexistische und patriarchale Ideen zurückgeworfen. Ein vermeintlicher Paulus schrieb später im 1.Timotheus 2,12 "Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten."

Hier könnte man nun abschließen und sagen, die gleichberechtige Stellung der Frau war ein kleiner Ausrutscher der Urgemeinden, sozusagen den mangelnden Strukturen geschuldet. Und so wie sich die Rolle der Frauen entwickelt beziehungsweise festgefahren hat, hat die katholische Kirche ja auch den Stürmen der Zeit standgehalten.

Wenn sich die Gesellschaft um die Katholische Kirche herum genauso wenig weiterentwickelt hätte wie die Katholische Kirche selbst, dann wäre das wohl die traurige Wahrheit. Aber die Unterdrückung von Frauen und Minderheiten und das damit entstandene Leid nehmen in der westlichen Welt ab. Menschen haben Zugang zu Bildung und fordern Gleichberechtigung und Mitbestimmung. Wir befinden uns in einer winzigen Zeitspanne der Weltgeschichte, in der sich alles verändert. Das macht Angst.

Die Katholische Kirche bietet zurzeit einen Ort, "wo noch Regeln und Ordnung herrschen". Wo Mann und Frau sich darauf verlassen können, dass sie hier mit ihren Werten und Idealen geschützt werden. Aber sie bietet auch einen Ort, der das Leid in der Welt nicht nur bekämpft, sondern es mit produziert. Wir alle kennen Beispiele, die man hier anbringen könnte.

Diese beschriebene Umwelt, in der sich die Katholische Kirche in der westlichen Welt befindet, fordert den Wandel, die Anpassung an die Umwelt, um nicht als exotische Sekte zu gelten. Die Menschen, die dies fordern, wollen Christen im Alltag sein und nicht nur in der Kirche.
Diskutiert man die Forderungen des Diakonats der Frau auf theologischer Basis, sind die Argumente seit Ewigkeiten auf dem Tisch. Hier geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um die Deutungshoheit dessen, was auf dem Tisch liegt. Muss dies jeder Katholik für sich selbst entscheiden, oder lassen wir es von alten weißen Männern bestimmen? Dieses Problem hat übrigens nicht nur die Katholische Kirche, sondern auch der Bundestag und so ungefähr jedes Dax 30 Unternehmen. Nehmen wir diese einmalige Gelegenheit des Wandels an, oder hoffen wir, dass dieser Wind der Veränderung an der Kirche vorbeizieht?

Da sowohl die gerade beschriebene Haltung wie auch andere im Publikum vorhanden waren, wurde die Diskussion im Anschluss an den Vortrag rege geführt. Es wurde sich für die Stärkung des  "Glaubenswissens" eingesetzt und gegen eine Verwässerung des Katholischen Glaubens aufgerufen. Wie man sich vorstellen kann, kochten die Emotionen dementsprechend hoch, wie das ja oft in unserer diversen Kirche der Fall ist. Nichtsdestotrotz, oder eben gerade weil so vielen Menschen die Frage nach der Stellung der Frauen in der katholischen Kirche nahe am Herzen liegt, ist es wichtig, den Raum für solche Diskussionen zu schaffen.

In diesem Sinne steigt die Hoffnung auf weitere Vorträge, die die Gemüter berühren.

Anna Elisabeth Riedel