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Lovis Corinth kommt unter den Hammer! 

Foto: St. Canisius

Versteigerung einer Pietà beim Sommerfest am 18. August

6. August 2018

Einer der Höhepunkte des diesjährigen Gemeindefestes soll die Versteigerung eines Bildes von Lovis Corinth (1858-1925) sein. Der berühmte Maler, der Anfang des letzten Jahrhunderts auch knapp 20 Jahre in Berlin lebte und neben Max Liebermann zur Berliner Secession gehörte, hat neben Gemälden, die in vielen großen Galerien und Museen hängen, auch Zeichnungen und Radierungen geschaffen. Eine dieser Kaltnadelradierungen, eine sogenannte Pietà (Der tote Jesus im Schoß seiner Mutter Maria) soll jetzt für einen guten Zweck unter den Hammer. Dr. Johannes Cladders stellt das Bild hier schon mal vor.

Herkunft und weitere Sachinformationen
Zur Versteigerung kommt eine Kaltnadelradierung von Lovis Corinth mit dem Titel "Pieta" aus dem Erbe von Hildegard Urbanek, die diese Arbeit 1973 aus einer Ausstellung der Berliner Galerie Pels-Leusden erwarb. Diese Arbeit ist signiert und nummeriert (110/150 -?-). Diese Nummerierung wird in der Rechnung der Galerie nicht aufgeführt und sagt auch nichts über die tatsächliche Auflagenhöhe aus, da auch Exemplare mit anderer Zählung bekannt sind. Die Radierung selbst ist nicht datiert, sie wird ausweislich der Rechnung und mit Bezug auf das Werkverzeichnis "Die späte Graphik von Lovis Corinth" von Heinrich Müller (1960) auf das Jahr 1920 datiert und mit der dortigen Inventarnummer "M 472" versehen und auch mit der dortigen Größenangabe 265x327mm verbunden. Das Werkverzeichnis macht keine Differenzierungen zwischen Darstellungs-, Platten- und Blattgröße. Insgesamt kursieren leicht variierende Größenangaben. Da die zur versteigernde Arbeit nicht entrahmt wurde, gibt es hier keine exakten Größenangaben.

Kunsthistorische Hinweise
Der Bildtitel "Pietà" erscheint hinsichtlich des Bildtypus wie auch der religiös geprägten Bildwahrnehmung überraschend. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass diese Arbeit manchmal als "Beweinung Christi" bezeichnet wird. In der Regel ruht beim Bildtypus "Pietà" der Leichnam Jesu auf den Knien der Gottesmutter, während der Bildtypus "Beweinung" Darstellungen bezeichnet, in denen der Leichnam Jesu zumeist auf dem Boden ruht. In diesem Sinne handelt es sich hier also eigentlich um eine "Beweinung".

Lovis Corinth gehört mit Max Liebermann und Max Slevogt zum sogenannten Dreigestirn des deutschen Impressionismus . Diese drei Künstler lebten und arbeiteten um die Wende zum 20. Jahrhundert, also in den entscheidenden Jahre ihrer Künstlerkarrieren, in Berlin (wo sie alle mit Werken in den Museen vertreten sind); sie hatten aber auch wichtige Verbindungen nach München.

Die Arbeiten Corinths, die immer wieder auch religiöse Themen behandelten, waren zunächst geprägt durch naturalistische und realistische Darstellungsweisen. In der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen französischen Malerei wurde Corinth dann zum Impressionisten. Die Kaltnadelradierung "Pietà" von 1920 ist erkennbar ein Spätwerk Corinths. Sie wirkt durch ihre deutlich schnelle Strichführung und den kontrastreichen Wechsel von Licht und Schatten wie die spontane zeichnerische Fixierung einer momenthaften Erfahrung.

Betrachtet man vergleichsweise das gleichnamige Gemälde oder die entsprechende Pinselzeichnung des Künstlers, könnte man zunächst den Eindruck gewinnen, bei der Lithographie handele es sich um eine schnelle Skizze zur Vorbereitung des Gemäldes. Aber dieser Eindruck täuscht: Das Gemälde ist gut 30 Jahre älter als die Lithographie; es wurde 1945 zerstört. Die Lithographie spannt somit - wie manch andere Lithographie Corinths auch - einen Bogen vom Frühwerk des Künstlers in dessen Spätphase. Diesbezüglich berichtet die Witwe Corinths 1960 im Vorwort zu dem oben erwähnten Werkverzeichnis davon, dass Lovis Corinth in seinen späten Lebensjahren bei seinen Lithographien häufig Bezug nahm auf Themen, die er in früheren Jahren gemalt hatte. Erstaunt beobachtete sie, dass er "völlig aus dem Gedächtnis, Themen, die er in Ölgemälden geschaffen hatte, ? in graphische Ausdrucksform abzuwandeln" geneigt war. "Reproduktionen suchte er sich niemals hervor? vielmehr war es so, daß er jedes Gemälde klar in sich trug, ehe er es auf die Leinwand brachte. Und es schien mir, als wäre es in seinem Gedächtnis dann immer gegenwärtig geblieben, so, daß er es zur Verfügung hatte, falls er es nochmals aufgreifen wollte." (in: Müller, S.12).

Peter Hahn weist darauf hin, dass die Lithographie "Pietà" wie manche anderen Figurenbilder aus Corinths letzten Lebensjahren, vor allem solche der Passion Christi, im Hinblick auf die jeweilige malerische Vorgängerversion weniger eine "Schaustellung handwerklicher Brillanz" als "Zeugnisse einer persönlichen Betroffenheit Corinths" sind (P. Hahn, "Das literarische Figurenbild", in: Lovis Corinth, Katalog, Lenbachhaus München, 1975, S.76ff). Die persönliche Betroffenheit wird man durch drei Umstände begründet sehen dürfen: erstens durch seine existentiell veränderte Situation nach seinem Schlaganfall; zweitens durch die naheliegende Assoziation der Pietà seines Lehrers L. Löffiz (München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, 1883), dessen dortige Reduktion der weinenden Person Corinth - in Abweichung zu seinem eigenen früheren Pietà-Gemälde - noch weiter ins Schemenhafte steigert, und drittens aufgrund des Stellenwerts, den sein früheres Pietà-Gemälde in seinem Oeuvre hat: mit ihm hatte er seine erste offizielle Anerkennung erhalten, eine "mention honorable" des Salon de Paris, zu dem er 1890 diese Arbeit eingereicht hatte.

Zur Info:

Die Versteigerung der Zeichnung "Pieta" von Lovis Corinth findet auf dem Gemeindefest statt. Betrachten können Sie das Werk zuvor noch  am 11. August (vormittags 10.30 Uhr bis 11.00 Uhr) in der Kirche. Erste Angebote können vorab bis zum 17. August im verschlossenen Umschlag im Pfarrbüro (Briefkasten) abgegeben werden (Mindestgebot 150 Euro).

Dr. Johannes Cladders

Lovis Corinth (1858-1925) - Pieta - 1920, signiert, Kaltnadelradierung