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Christuskorpus Praedicamus Crucifixum 

Die gewaltige Christusfigur des Bildhauers Gerhard Schreiter (1909-1974) geschaffen als optisches Zentrum für den Altarraum der 1955 neu erbauten St. Canisius Kirche, hat auch im neuen Kirchenraum des Jahres 2002 wieder einen Ort. Wer sich erinnert oder die eindrucksvollen  Fotos heranzieht, die unmittelbar nach dem Brand im Frühjahr 1995 entstanden sind, sieht den Korpus an der Wand des zerstörten Altarraumes hängen, zwar beschädigt von Hitze und Löschwasser, aber unangefochten über dem Chaos schwebend mit ergreifendem, den Raum umspannenden Gestus. Der unvergessliche Ausdruck des Gekreuzigten nach dem Brand bestätigt noch einmal mehr seine elementare zeitgenössische Präsenz, die nach einem halben Jahrhundert nichts an Wirkkraft verloren hat.

Schreiters Gekreuzigter ist ein Werk der Nachkriegszeit, einer Zeit, in der sich die meisten Menschen der Fragilität und Schuldhaftigkeit ihrer Existenz schmerzhaft und erschüttert bewusst wurden. Schreiters Korpus Christi reflektiert diese innere Verfassung der Menschen jener Jahre in der Leidenswucht und der Zerbrechlichkeit seiner Gestaltung und der Wahl eines unprätentiösen Materials: Eisenblech. Die Ästhetik seiner Formen ist sperrig und zugleich graziös, monumental und dennoch fragil, in sich gekehrt und expressiv verzerrt, in jedem Fall aber stark. Diese spannungsgeladene Steigerung des Ausdrucks war Schreiters großes Anliegen. Jahrelang war der "Expressionismus", der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kunst von akademischen Zwängen des 19. Jahrhunderts befreit hatte, von der nationalsozialistischen Kunstpolitik als "entartet" verboten und verfolgt worden. Schreiter knüpfte mit seinem Kreuz an diese expressionistische Tradition wieder an. Er sucht nicht die harmlose, von fragwürdigen Idealformen geprägte Schönheit, die niemand ernst nimmt und niemand aufregt - dies schon gar nicht beim zentralen Motiv christlichen Glaubens, das seit Anbeginn nicht Harmloses in sich trug. "Wir predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, uns aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit" so steht es im berühmten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. (1 Kor 1,22-24).

Christine Goetz, Kunstbeauftragte des Erzbistums Berlin, 2002